Das Fischerstechen in Ulm
Ein Ereignis das nicht jedes Jahr stattfindet.
Das "Fischerstechen" findet an den beiden Sonntagen vor dem Schwörmontag statt. Das Stechen beginnt Vormittags mit einem Festzug zu dem auch die Ulmer "Nationalhymne" der "Fischermarsch" gespielt wird. An diesem Umzug nehmen unter anderem teil: Weißfischer, Zillenfahrer, Kirchweihjungfern, Fahnen- und Speerträger, die Fischerfrauen, Ulmer Stadtsoldaten, die Ulmischen Freireiter und als wichtigstes natürlich die Stecherpaare.
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| Brechend voll: Die Tribünen am Ulmer Ufer |
Einmarsch zum Stechen durch das "Metzgertor". Am Kopf des Zuges: Die "Zillenfahrer" erkennbar an der grünen Kopfbedeckung und den grünen Hosenträgern. |
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| Den schönsten Blick hat man von der Neu-Ulmer Seite. |
Die Turnierleitung besteht aus dem Zunftmeister als Ansager und dem Kampfgericht. |
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Allgemeines zum Stechen:
Der Personenkreis welcher am Stechen teilnehmen darf wird streng nach überlieferten
Regeln ausgewählt. Die sogenannten „Weißfischer", Fischer in weißer Tracht, bilden
die Kernmannschaft. Hinzu kommen verschiedene Figurenpaare, die alle in der
wechselnden Geschichte Ulms eine bedeutende Rolle gespielt haben. Zu nennen sind
hier unter Anderen die Schalksnaren in schwarzweiß und schwarzgelb, der Bauer und die
Bäuerin, der Ulmer Schneider und der Ulmer Spatz, Tell und Geißler, ein Bauer aus
dem Oberland und einer aus dem Unterland, Faust und Mephisto, Wallenstein und Graf
Adolf und um dem aktuellen Zeitgeschehen entsprechen zu können auch ein
Überraschungspaar. 24 Paare Weißfischer und Fischermädchen bilden die große
Tanzgruppe und natürlich die Schiffleute, die hier in Ulm Zillenfahrer heißen. Die
Schiffleute sind ebenfalls weiß gekleidet. Sie unterscheiden sich aber durch lange
Hosen und grüne Hosenträger von den Weißfischern, zudem führen sie ihre Ruder mit.
Musik ganz besonderer Art, dominiert von dumpfem Trommelschlag der Tambours,
begleitet nicht nur diesen Zug sondern auch das Fischerstechen am Nachmittag. Alle
gespielten Märsche sind wohl mittelalterlichen Ursprungs, nur der Tanz der Narren und
Bauern wurde erst 1950 um den Fischertanz, das Menuett, ergänzt.
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| Eines der Paare beim Fischerstechen: "Krettaweber" und "d' Bolezei" |
Ein Weißfischer im roten Festanzug |
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| Der "Ratsherr" dessen Gegenspieler der "Kuhhirt" ist. |
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Die Grundregeln:
Mehrere Paare kämpfen gegeneinander. Also Bauer gegen Bäuerin, Weißfischer gegen Weißfischer, Faust
gegen Mephisto und so weiter. Die Hauptfiguren stehen auf einer kleinen Plattform
innerhalb des Bootes und sind mit einer Art Speer ausgerüstet, dessen Spitze mit einer
gepolsterten Holzscheibe versehen ist. Vom jeweils anderen Ufer kommend fahren die
Zillen, begleitet von der Musik, aufeinander zu. Es gilt nun mit Hilfe des Speers den
Gegner von dessen Plattform ins Wasser zu stoßen. Kraft und Geschick der Schiffleute
sind mitentscheidend über Sieg oder Niederlage. Auch wer nicht ins Wasser sondern
nur ins Boot fällt hat schon verloren.
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| "Wallenstein" |
Und nochmal der "Krettaweber" |
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| Ein Weißfischer startet zum Zweikampf. |
Die Zillenfahrer - Die Schwerarbeiter des Stechens. |
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Historisches zum Stechen:
Das Programm weist die Paare aus als "Weißfischer", als Narren, Bauer und Bäuerin,
Ulmer Spatz, als Schneider von Ulm und so weiter. In diesen Figuren spiegeln sich die
Geschichte des Fischerstechens, der Zeitgeist verschiedener Epochen und schlieBlich
Ulmer Geschichte und Geschichten wider. Die "Weißfischer" sind nach den weißen
Gewändern bezeichnet, in denen sie zum Turnier antreten. Es gibt noch die Variante des
"Weißfischers im Festanzug", dessen Rock rot ist.
Die Tracht der Weißfischer weist möglicherweise auf die Ursprünge des Stechens
zurück, nämlich auf die Fastnacht der frühen Neuzeit. Denn die Gesellenschaften
verschiedener Handwerke bevorzugten für ihre fastnächtlichen Brauchübungen weiße
Kleidung. Damals pflegten Handwerksgesellen die Reiterspiele der Ritter auf ihre Weise nachzuahmen.
So haben, einer launigen Lokalsage zufolge, zwei Ulmer Fischer ein Ritter-Turnier beobachtet,
das die in Ulm ansässigen Mönche des Klosters Reichenau veranstalteten. Die beiden
Betrachter kamen zu dem Ergebnis, daß sie das eigentlich auch könnten, wobei sie dann
in Ermangelung der notwendigen Rösser mit ihren Zillen gegeneinander starteten.
Die ersten Zeugnisse für das Ulmer Fischerstechen sind aus dem 16. Jahrhundert überliefert:
Am 20. Februar 1545 hat der Rat einen Antrag auf ein Fischerstechen abgelehnt. Der
entsprechende Eintrag ins Ratsprotokoll ist der älteste Hinweis auf die Ausübung
dieses Brauchs in Ulm. Nachdem die Ulmer aufgehört hatten, Fastnacht zu feiern - das
war kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg -, nötigte der Rat die Fischergesellen, ihr
Stechen in die wärmere Jahreszeit zu verlegen. So wurde es schließlich am Montag
nach der ulmischen Kirchweih in der letzten Juliwoche ausgeübt. Noch im 17.
Jahrhundert wanderte es von diesem Datum weiter auf den "Schwördienstag". Das war
der Tag, der dem jährlichen Schwörtag folgte:
Einziges Überbleibsel aus dieser Zeit ist Wilhelm Tell, der seit 1832 am Stechen
teilnimmt und damit zu den ältesten Figuren zählt.
Ein solches Fischerstechen wurde 1877 anläßlich des 500. Jahrestages der Grundsteinlegung
zum Münster inszeniert. Dieses Ereignis bescherte dem Stechen einige neue Figuren.
Seither nähern sich Faust und Mephisto einander als schwankende Gestalten auf der
Donau. Und als schwäbisch-volkstümliches Gegensatzpaar wurden damals Ober- und
Unterländer neu eingeführt. Seit 1877 sind auch Figuren aus der lokalen Überlieferung
vertreten, etwa der Ulmer Spatz und der Schneider von Ulm.
Die Vollendung des Münsterbaus im Jahr 1890 bot erneut Anlaß für ein
Fischerstechen, das nun um "Kuhhirt und Ratsherr" bereichert wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der variierende Figuren-Kanon um weitere Paare bereichert. Eine echte Ulmerin unter den Stecher-Figuren ist die Schwanenwirtin. Sie bot feindlichen bayerischen Offizieren Paroli, als diese 1703 im besetzten Ulm, genauer gesagt: im Gasthaus zum Schwanen, ihren Kurfürsten Max-Emanuel hochleben ließen.
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Die "Schwanenwirtin" (rechts im Bild)
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| Das vermutlich bekannteste Paar: "Bauer und Bäuerin" |
Ein Ulmer Original: Der "Griesbadmichel" |