Die Tambours in ihren roten Röcken rühren die Trommeln. Von beiden Ufern
der Donau stoßen die Stecher-Zillen ab. Jeweils drei Fahrer lenken die
Boote aufeinander zu. Auf deren Heck stehen die Stecher, gestützt auf ihre
2.80 Meter langen Lanzen, "Speere" genannt. Wenn die Zillen einander
begegnen, heben die Kombattanten ihre Speere an, stemmen das Querholz gegen
die Schultern und zielen mit dem ledergepolsterten Knauf an der Spitze auf
die Brust des Gegners. Die Speere prallen auf die Rippen. Wer ins Wasser
fällt, hat verloren. Wer ins Boot tritt, gilt ebenfalls als "naß". Der
Stecher, der stehenbleibt, ist "trocken" geblieben, hat gesiegt und kommt
in die nächste Runde. Sind beide trocken, endet die Runde unentschieden.
Die Regeln sind einfach. Es wird so lange gestochen, bis einer gewonnen hat.
Wer sticht ?
Das Programm weist die Paare aus als "Weißfischer", als Narren, Bauer und
Bäuerin, Ulmer Spatz, als Schneider von Ulm und so weiter. In diesen
Figuren spiegeln sich die Geschichte des Fischerstechens, der Zeitgeist
verschiedener Epochen und schlieBlich Ulmer Geschichte und Geschichten
wider. Die "Weißfischer" sind nach den weißen Gewändern bezeichnet, in denen sie zum Turnier antreten. Es gibt noch die Variante des "Weißfischers
im Festanzug", dessen Rock rot ist.
Die Tracht der Weißfischer weist möglicherweise auf die Ursprünge des Stechens zurück, nämlich auf die Fastnacht der frühen Neuzeit. Denn die Gesellenschaften verschiedener Handwerke bevorzugten für ihre fastnächtlichen Brauchübungen weiße Kleidung. Damals pflegten - nicht nur in Ulm und nicht nur in der Berufsgruppe der Fischer - Handwerksgesellen die Reiterspiele der Ritter auf ihre Weise nachzuahmen.
So haben, einer launigen Lokalsage zufolge, zwei Ulmer Fischer namens Käßbohrer und Molfenter ein Ritter-Turnier beobachtet, das die in Ulm ansässigen Mönche des Klosters Reichenau
veranstalteten. Die beiden Betrachter kamen zu dem Ergebnis, daß sie das
eigentlich auch könnten, wobei sie dann in Ermangelung der für derartige
Treffen notwendigen Rösser mit ihren Zillen gegeneinander anrannten.
So ähnlich könnte es sich tatsächlich abgespielt haben.
Denn die ersten Zeugnisse für das Ulmer Fischerstechen sind aus dem 16.
Jahrhundert überliefert:
Mit dem Fischerstechen gedachten die Schiffleute im 19. Jahrhundert
gelegentlich des verlorengegangenen Schwörtages. Weitere Anlässe boten
königliche Besuche, boten Tagungen und Treffen. Schon von Anfang an hatten
die Ulmer den folkloristischen Reiz erkannt, den das Stechen auch auf hohe
Gäste der Stadt ausübte. So hängt die zweite Nachricht, die von einem Ulmer Fischerstechen vorliegt, mit dem Besuch des Prinzen Philipp von Spanien
anno 1549 zusammen:
Ein solcher wurde 1877 anläßlich des 500. Jahrestages der Grundsteinlegung
zum Münster inszeniert. Dieses Ereignis bescherte dem Stechen einige neue
Figuren. Seither nähern sich Faust und Mephisto einander als schwankende
Gestalten auf der Donau. Und als schwäbisch-volkstümliches Gegensatzpaar
wurden damals Ober- und Unterländer neu eingeführt. Seit 1877 sind auch
Figuren aus der lokalen Überlieferung vertreten, etwa der Ulmer Spatz und der Schneider von Ulm.
Die Vollendung des Münsterbaus im Jahr 1890 bot erneut Anlaß für ein
Fischerstechen, das nun um "Kuhhirt und Ratsherr" bereichert wurde.
Im 20. Jahrhundert entdeckte zunächst der Fremdenverkehr das
Fischerstechen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ständig variierende Figuren-Kanon um
weitere bleibende Paare bereichert.
Seit 1950 wird das Ulmer Fischerstechen alle vier Jahre ausgetragen, falls
keine wichtigen Ereignisse oder Jubiläen diesen Rhythmus unterbrechen. Als
Termine für das Stechen haben sich inzwischen die beiden Sonntage vor dem
Schwörmontag eingebürgert.
Am 20. Februar 1545 hat der Rat einen Antrag auf
ein Fischerstechen abgelehnt. Der entsprechende Eintrag ins Ratsprotokoll
ist der älteste Hinweis auf die Ausübung dieses Brauchs in Ulm.
Nachdem die Ulmer aufgehört hatten, Fastnacht zu feiern - das war kurz vor
dem Dreißigjährigen Krieg -, nötigte der Rat die Fischergesellen, ihr
Stechen in die wärmere Jahreszeit zu verlegen. So wurde es schließlich am
Montag nach der ulmischen Kirchweih in der letzten Juliwoche ausgeübt. Doch
noch im 17. Jahrhundert wanderte es von diesem Datum weiter auf den
"Schwördienstag". Das war der Tag, der dem jährlichen Schwörtag folgte:
Die nationale Bewegung war im 19. Jahrhundert mit ihrer Mittelalter-
Nostalgie maßgeblich beteiligt, daß die Festlichkeiten wieder aufgenommen
wurden. Einziges Überbleibsel ist Wilhelm Tell, der seit 1832 am Stechen teilnimmt und damit zu den Senioren unter den Figuren zählt.
Ihm zu Ehren stachen die Fischer, bevor sie ein paar Tage später zu ihrem regulären Fastnachts-Turnier antraten. Auch an den großen Stadtfesten darf und durfte das Fischerstechen nicht fehlen und schon gleich gar nicht bei den gro8en historischen Umzügen, die das 19.Jahrhundert hervorbrachte.
Eine echte Ulmerin unter den Stecher-Figuren ist die Schwanenwirtin Sabina
Heilbronnerin. Sie bot feindlichen bayerischen Offizieren Paroli, als diese
1703 im besetzten Ulm, genauer gesagt: im Gasthaus zum Schwanen, ihren
Kurfürsten Max-Emanuel hochleben ließen.
Juni 1997